Rettung einer jungen Rabenkrähe
Verfasst: 26 Mai 2020, 21:19
Hallo allerseits,
ich bin schon öfters mit verletzten Vögeln im Gelände konfrontiert worden, meist wenn mein Freund und ich gemeinsam unterwegs waren (wir ziehen sie irgendwie an). Aber bislang haben wir es nie geschafft, wirklich helfen zu können. Weil wir meist nicht vorbereitet waren, uns das entsprechende Equipment fehlte, um den Vogel einzufangen und zu transportieren oder weil es für das Tier einfach zu spät war.
Am Samstag vor einer Woche nun fanden wir am Rande einer Regionalbahnstrecke, die an unserem Wohnhaus vorbeiführt, ein schwarzes Häuflein Elend liegend und schwer atmend in Schockstarre vor. Es handelte sich um eine junge Rabenkrähe, offensichtlich noch nicht flügge, da die Handschwingen noch nicht ausgebildet waren. Was genau passiert war und wie der Vogel dorthin gekommen war, ließ sich nicht eruieren. Aber eine Kollsion mit dem Zug schien uns wahrscheinlich. Der Vogel hatte eine Verletzung oberhalb des Oberschenkels und der Zustand wirkte so kritisch, dass wir beide dachten, dass das Tier die Nacht nicht überlebt. Schon diskutierten wir, ob wir die kleine Krähe von ihrem Leiden erlösen sollten und trugen sie erst einmal von der Bahntrasse weg. Auf der Wiese abgelegt, kam der Vogel zu sich und schleppte sich dann schwer humpelnd ins Gebüsch. Es war schon Abend. Die Nacht brach herein und wir sagten uns, dass es das wohl war, da die Gegend vor Waschbären und Katzen wimmelt.
Am nächsten Morgen öffneten wir die Tür und trauten unseren Augen kaum, als wir den Vogel neben dem Eingangsbereich sitzen sahen. Er schaute uns mit wachen Augen an. O.k. sagten wir uns, das ist dann wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl. Dann durchforsteten wir unsere Küche nach Essbarem. Das war nicht so einfach, da wir praktisch nur vegane Kost im Hause hatten, eine stark gewürzte Knoblauchwurst ausgenommen, die ich von Berlin aus mitgenommen hatte. Die schied natürlich aus.
Wir entschieden uns für Haferflocken, Rosinen aus dem Müsli und Apfelstücke. In Wasser aufgeweicht versuchten wir den Vogel damit zu füttern. Nach einer Phase des gegenseitigen Ungeschicks, öffnete die Krähe dann erfreulicherweise den Schnabel und es gelang uns, die Stückchen im Schnabel zu versenken. "Huckebein" - so hatten wir ihn/sie getauft - versuchte jedoch immer wieder humpelnd die Deckung einer Gehölzgruppe zu erreichen. Dort in der Nähe befand sich nämlich der Horst der beiden Altvögel. Diese tauchten dann auch auf und es entstand eine lebhafte Unterhaltung zwischen Altvögeln und Jungvogel.
Schnell zogen wir uns zurück, weil wir beobachten wollten, ob die Altvögel ihr Junges weiterhin versorgen würden. Das Verhalten der Altvögel war jedoch merkwürdig. Sie saßen ca. 5 Meter oberhalb auf einem Baum und einer der Vögel hackte wütend mit dem Schnabel auf einen Ast ein und krächzte laut. Beide riefen zwar ab und an und der Jungvogel bettelte vom Boden aus, aber sie fütterten ihn bis zum Abend nicht. Auch im Horst war keinerlei Leben mehr festzustellen. Die Altvögel flogen ihn nicht an und weitere rufende Jungvögel gab es nicht. Weder im Horst noch außerhalb.
Schließlich entschlossen wir uns abermals einzuschreiten und holten "Huckebein" aus der Revierkernzone heraus. Die Altvögel machten zwar ein wütendes Geschrei, griffen uns jedoch nicht an. Offensichtlich hatten sie ihn einerseits aufgegeben, aber andererseits doch nicht so ganz.
Wir setzten die Krähe in einen Laubkorb, der oben offen war, und übernahmen die weitere Fütterung, wobei der Vogel weiterhin in Rufkontakt mit den Eltern stand. Nach einer Weile klappte es besser. Huckebein sperrte und vertilgte einiges. Zwischendurch sank er völlig ermattet in sich zusammen, stand aber nach kurzer Zeit wieder auf und widmete sich der Gefiederpflege. Nur leider kotzte er einen großen Teil der Rosinen und auch der Apfelstückchen dann wieder aus.
In der Zwischenzeit hatte ich nach Kontaktadressen von Wildvogelauffangstationen im Landkreis recherchiert und war nicht wirklich fündig geworden. Über die Storchenauffangstation wurde uns schließlich eine private Adresse genannt. Die Dame erklärte sich freundlicherweise bereit, den Vogel am nächsten Morgen zu nehmen, wenn er dann noch leben würde und wir ihn bis dahin über die Nacht bringen würden. Sie vermutete Würmer wegen der Kotzerei und empfahl uns Honig zu geben, den wir aber nicht hatten. Und Eier, die wir auch nicht hatten. Tja, man merkt dann erst, wie schlecht der eigene Haushalt geführt ist ...
Für die Nacht holten wir den Vogel ins Haus und sorgten für Ruhe. Früh am nächsten Morgen - Huckebein hatte mit Kopf im Gefieder geschlafen - setzten wir die Fütterung vorsichtig fort. Inzwischen klappte es schon besser und er nahm uns die Rosinen bereitwillig ab. Als die Eltern übers Haus flogen und in der Ferne leise zu hören waren, antwortete er.
Die 30-Kilometerfahrt zur privaten Kleinvögelauffangstation überstand die Krähe gut. Wir waren einerseits erleichtert, unser Adoptivkind in fachkundige Hände abgeben zu können, aber auch etwas wehmütig, weil uns der Vogel inzwischen ans Herz gewachsen war.
Huckebein geht es dort gut. Die Verletzung ist bislang gut geheilt. Der Vogel humpelt kaum noch und war auch nicht verwurmt. Die soziale Entwicklung hat schon eingesetzt, wenn auch nicht die übliche, die eine Krähe sonst erfahren würde. Sie kuschelt jetzt mit dem Hund, der bloß nicht weiß, wie er sich verhalten soll, wenn der Vogel sperrt und plantscht mit dem vierjährigen Nachbarskind im Planschbecken, wobei er auf sein Spiegelbild einhackt.
Im Sommer wollen wir ihn/sie besuchen. Dann gibt es Fotos. Die habe ich in der Hektik nicht geschafft zu machen. Es existiert auch ein kleines Video, das Huckebein bei der Gefiederpflege zeigt. Hat mein Freund gemacht. Wenn ich es habe, stelle ich es hier ein.
Ein Wermutstropfen bleibt: Eine Auswilderung wird wohl kaum möglich sein, da die Krähe zwar auf Krähen geprägt ist, die soziale Entwicklung jedoch jetzt in Menschen- und anderer Tiergesellschaft erfolgt.
LG Annette
ich bin schon öfters mit verletzten Vögeln im Gelände konfrontiert worden, meist wenn mein Freund und ich gemeinsam unterwegs waren (wir ziehen sie irgendwie an). Aber bislang haben wir es nie geschafft, wirklich helfen zu können. Weil wir meist nicht vorbereitet waren, uns das entsprechende Equipment fehlte, um den Vogel einzufangen und zu transportieren oder weil es für das Tier einfach zu spät war.
Am Samstag vor einer Woche nun fanden wir am Rande einer Regionalbahnstrecke, die an unserem Wohnhaus vorbeiführt, ein schwarzes Häuflein Elend liegend und schwer atmend in Schockstarre vor. Es handelte sich um eine junge Rabenkrähe, offensichtlich noch nicht flügge, da die Handschwingen noch nicht ausgebildet waren. Was genau passiert war und wie der Vogel dorthin gekommen war, ließ sich nicht eruieren. Aber eine Kollsion mit dem Zug schien uns wahrscheinlich. Der Vogel hatte eine Verletzung oberhalb des Oberschenkels und der Zustand wirkte so kritisch, dass wir beide dachten, dass das Tier die Nacht nicht überlebt. Schon diskutierten wir, ob wir die kleine Krähe von ihrem Leiden erlösen sollten und trugen sie erst einmal von der Bahntrasse weg. Auf der Wiese abgelegt, kam der Vogel zu sich und schleppte sich dann schwer humpelnd ins Gebüsch. Es war schon Abend. Die Nacht brach herein und wir sagten uns, dass es das wohl war, da die Gegend vor Waschbären und Katzen wimmelt.
Am nächsten Morgen öffneten wir die Tür und trauten unseren Augen kaum, als wir den Vogel neben dem Eingangsbereich sitzen sahen. Er schaute uns mit wachen Augen an. O.k. sagten wir uns, das ist dann wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl. Dann durchforsteten wir unsere Küche nach Essbarem. Das war nicht so einfach, da wir praktisch nur vegane Kost im Hause hatten, eine stark gewürzte Knoblauchwurst ausgenommen, die ich von Berlin aus mitgenommen hatte. Die schied natürlich aus.
Wir entschieden uns für Haferflocken, Rosinen aus dem Müsli und Apfelstücke. In Wasser aufgeweicht versuchten wir den Vogel damit zu füttern. Nach einer Phase des gegenseitigen Ungeschicks, öffnete die Krähe dann erfreulicherweise den Schnabel und es gelang uns, die Stückchen im Schnabel zu versenken. "Huckebein" - so hatten wir ihn/sie getauft - versuchte jedoch immer wieder humpelnd die Deckung einer Gehölzgruppe zu erreichen. Dort in der Nähe befand sich nämlich der Horst der beiden Altvögel. Diese tauchten dann auch auf und es entstand eine lebhafte Unterhaltung zwischen Altvögeln und Jungvogel.
Schnell zogen wir uns zurück, weil wir beobachten wollten, ob die Altvögel ihr Junges weiterhin versorgen würden. Das Verhalten der Altvögel war jedoch merkwürdig. Sie saßen ca. 5 Meter oberhalb auf einem Baum und einer der Vögel hackte wütend mit dem Schnabel auf einen Ast ein und krächzte laut. Beide riefen zwar ab und an und der Jungvogel bettelte vom Boden aus, aber sie fütterten ihn bis zum Abend nicht. Auch im Horst war keinerlei Leben mehr festzustellen. Die Altvögel flogen ihn nicht an und weitere rufende Jungvögel gab es nicht. Weder im Horst noch außerhalb.
Schließlich entschlossen wir uns abermals einzuschreiten und holten "Huckebein" aus der Revierkernzone heraus. Die Altvögel machten zwar ein wütendes Geschrei, griffen uns jedoch nicht an. Offensichtlich hatten sie ihn einerseits aufgegeben, aber andererseits doch nicht so ganz.
Wir setzten die Krähe in einen Laubkorb, der oben offen war, und übernahmen die weitere Fütterung, wobei der Vogel weiterhin in Rufkontakt mit den Eltern stand. Nach einer Weile klappte es besser. Huckebein sperrte und vertilgte einiges. Zwischendurch sank er völlig ermattet in sich zusammen, stand aber nach kurzer Zeit wieder auf und widmete sich der Gefiederpflege. Nur leider kotzte er einen großen Teil der Rosinen und auch der Apfelstückchen dann wieder aus.
In der Zwischenzeit hatte ich nach Kontaktadressen von Wildvogelauffangstationen im Landkreis recherchiert und war nicht wirklich fündig geworden. Über die Storchenauffangstation wurde uns schließlich eine private Adresse genannt. Die Dame erklärte sich freundlicherweise bereit, den Vogel am nächsten Morgen zu nehmen, wenn er dann noch leben würde und wir ihn bis dahin über die Nacht bringen würden. Sie vermutete Würmer wegen der Kotzerei und empfahl uns Honig zu geben, den wir aber nicht hatten. Und Eier, die wir auch nicht hatten. Tja, man merkt dann erst, wie schlecht der eigene Haushalt geführt ist ...
Für die Nacht holten wir den Vogel ins Haus und sorgten für Ruhe. Früh am nächsten Morgen - Huckebein hatte mit Kopf im Gefieder geschlafen - setzten wir die Fütterung vorsichtig fort. Inzwischen klappte es schon besser und er nahm uns die Rosinen bereitwillig ab. Als die Eltern übers Haus flogen und in der Ferne leise zu hören waren, antwortete er.
Die 30-Kilometerfahrt zur privaten Kleinvögelauffangstation überstand die Krähe gut. Wir waren einerseits erleichtert, unser Adoptivkind in fachkundige Hände abgeben zu können, aber auch etwas wehmütig, weil uns der Vogel inzwischen ans Herz gewachsen war.
Huckebein geht es dort gut. Die Verletzung ist bislang gut geheilt. Der Vogel humpelt kaum noch und war auch nicht verwurmt. Die soziale Entwicklung hat schon eingesetzt, wenn auch nicht die übliche, die eine Krähe sonst erfahren würde. Sie kuschelt jetzt mit dem Hund, der bloß nicht weiß, wie er sich verhalten soll, wenn der Vogel sperrt und plantscht mit dem vierjährigen Nachbarskind im Planschbecken, wobei er auf sein Spiegelbild einhackt.
Im Sommer wollen wir ihn/sie besuchen. Dann gibt es Fotos. Die habe ich in der Hektik nicht geschafft zu machen. Es existiert auch ein kleines Video, das Huckebein bei der Gefiederpflege zeigt. Hat mein Freund gemacht. Wenn ich es habe, stelle ich es hier ein.
Ein Wermutstropfen bleibt: Eine Auswilderung wird wohl kaum möglich sein, da die Krähe zwar auf Krähen geprägt ist, die soziale Entwicklung jedoch jetzt in Menschen- und anderer Tiergesellschaft erfolgt.
LG Annette