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Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 20 Sep 2020, 12:36
von Hobbyfotograf
Leider kurier ich ich gerade einen ziemlich brutal zuschlagenden grippalen Infekt aus, so dass ich nur früh morgens eine naturkundliche Runde ums Haus schaffe. Heute begegnete ich gegen 7:00 einen Jäger, der eine Wiese beobachtete, die direkt am Wohngebiet vorbeiführte. Weil er freundlich grüßte, wollte ich mal die Chance nutzen mit einem Freund der Jagd zu sprechen. Auch weil in dem vogel- und wildtierarmen Gebiet häufig Schüsse zu hören sind und neuerdings auf dieser Wiese sogar ein Luxus-Hochstand aufgebaut wurde. Meine Frage war, auf was es der Mensch im vollständigen, militaristischen Tarnkleid denn so alles abgesehen hat. Es ging ihm um Wildschweine. Ich hatte sie bisher noch nicht entdecken können, er konnte mir aber Spuren der Tiere nachweisen.

Dann wollte ich wissen, welche Vögel er denn für ihn als Jagdstrecke interessieren würde. Er antwortet natürlich Stockenten aber auch Nil- und Kanadagänse und selbstverständlich "Nesträuber" wie Elster und Rabenkrähe. Ob ihn auch die Waldschnepfe interessieren würde? Er informierte darüber, dass diese Art hier nicht mehr vorkommen würde, er sie als siebenjähriger mit seinem Vater aber noch gejagt hätte. Für Waldschnepfen würde er nach Darß-Zingst fahren, dort wäre die Jagd zu bestimmten Zeiten erlaubt, wie auch das Erlegen der "Bekassine". (Ich hoffe nicht, dass er und seine KumpanInnen es wirklich umsetzen)

Obwohl er mir seinen Namen angab, sah ich keine Veranlassung es ihm gleichzutun. Wusste ich doch, dass die Stimmung schnell kippen konnte. Auf jeden Fall erzählte er mir noch, dass er um diesen Zeit Schüsse, vermeiden würde, um die Menschen in den Häusern nicht zu wecken. Dazu passend setzt er aber kurz auf eine Rabenkrähe an, kommentierte die Szenerie aber mit den Worten. "Mist, die ist wieder abgeflogen". Als etwas provokativ und widerstündlich empfand ich es auch, dass er behauptete, wenn die beiden Nilgänse (in weiter Entfernung) nah genug ran gewesen wären, er sie jetzt erlegt hätte. Dazu griff er auch wieder nach seinem Gewehr. Widersprüchlich behaupte der Mann, dass auch am Sonntag ab Uhr in der Nähe von Wohngebieten geschossen werden dürfe.

Jetzt war der Zeitpunkt für mich ihm deutlich Grenzen zu setzen. Ich kündigte ihm gleich an, dass ich es mit allen Mitteln verhindern werde, dass er in meinem Beisein auf die beiden Gänse schießt, die ich seit Monaten im Gebiet beobachte und ich es auch nicht zulassen werde, dass er Elstern oder Rabenkrähe abknalle. Auch der Jäger ging jetzt gleich in die Vollen, dass er Zeitsoldat bei der Bundeswehr gewesen ist und mit mir leicht fertig werden würde.

Nach einem verbalen Austausch, stieg der Jäger dann in seinen stilechten Jeep mit Kennzeichen einer angrenzenden Stadt.
Nicht ohne mir vorher noch stolz seine Nilgans-Federtrophäe zu präsentieren.

Zu einer körperlichen Auseinandersetzung ist es natürlich nicht gekommen und es ist mir auch wichtig, dass es so bleibt. Die letzten Worte des Mannes war, dass er doch niemals geschossen hätte, weil ich doch erwähnt hätte, dass ich Vegetarier wäre. Ich werde aber trotzdem weiterhin jede einzelne Elster (den fiesen Nesträuber!) im Gebiet mit voller Emotion verteidigen. Gegen (wohl) mehrere Jäger, in einem kleinen Gebiet, dass auch ohne Hobbyjäger gut auskommen würde.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 21 Sep 2020, 08:41
von Anderl
Hallo Hobbyfotograf,
da bin ich ja froh, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. :-) Das hätte niemandem geholfen.
Ich finde, man sollte nicht so sehr voreingenommen auf Jäger/Landwirte etc. zugehen und es gut, dass du das Gespräch gesucht hast. Nur so kann man sich verständigen und die andere Seite verstehen bzw. es wenigstens versuchen. Klar, für dich als Vegetarier sind natürlich die "Fleischfresser" (bitte nicht böse nehmen!) schon mal nicht so leicht zu verstehen und dann noch ein Jäger, der Tiere abknallt! Ich hoffe du bist selbst auch wirklich konsequent und lehnst auch Leder an Schuhen, Gürtel etc. ab. Ich finde nur dann kannst du die anderen wirklich verurteilen.Und ich hoffe du hast keine Katze, weil die nachweislich mehr Wildtiere töten, als alle Jäger mit ihrer gesamten Jagdstrecke zusammen! Ob du es glaubst oder nicht - viele Jäger lieben die Natur und interessieren sich auch für Tiere, die nicht bejagt werden können. Davon abgesehen leisten Sie tatsächlich einen Beitrag zum Naturschutz, indem Sie Wildäcker anlegen und mit den Bauern sprechen, damit der Grasschnitt möglichst spät stattfindet. Wildschweine haben tatsächlich bei uns keinen natürlichen Feind und die einzige Bedrohung wären Autos! ;-) Auch der Rehbestand würde sich nicht alleine regulieren.Niederwild wird in unserer ausgeräumten Industrielandwirtschaft tatsächlich erheblich von Rabenvögeln reduziert, die leichtes Spiel haben, weil die geschwächten Jungtiere sich nicht gut verstecken können. Krähen sind schlau - und nutzen jede Möglichkeit zum Nahrungserwerb. (Ich finde Rabenvögel sehr interessant!)
Jeder der mit Wildschweinen im Vorgarten Probleme hatte, versteht was ich meine. Ich möchte damit sagen, dass die Jagd durchaus ihre Berechtigung hat die wilde Natur in Deutschland hauptsächlich sich auf Flußaue und Gebirge beschränkt ist - alles andere ist Kulturland und wird seit Jahrhunderten umgestaltet um vom Menschen genutzt. Wildpret ist (meist) sehr hochwertiges Fleisch und zumindest haben diese Tiere bis zu ihrem Tod in Freiheit gelebt. Besser als jedes für die Schlachtung gezüchtete Tier.
Natürlich kann ich dich verstehen, wenn du dich über "deine" Nilgänse freust. Aber gehören die wirklich in diese Landschaft? Schaden Sie vielleicht den anderen heimischen Tieren? Alles sehr schwierige Fragen und Antworten, die hier den Rahmen sprengen. Aber ich finde, man sollte offen und ehrlich miteinander sprechen und versuchen, die andere Seite zu verstehen. Es gibt überall solche und solche.
Frag mal - egal welchen Fischer - was er über Kormorane denkt! Ein guter Freund von mir ist Fisch-Biologe und der sagt mir immer, bei den Ornithologen beginnt der Naturschutz erst über Wasser. Er meint damit, dass durch den Kormoran nicht nur "Nutzfische" gefährdet sind. Das geht natürlich hier alles zu weit. Ich wollte nur verschiedene Seiten darstellen und darum bitten, wirklich genau hinzusehen und auch die anderen Argumente zu hören!
Viel Spaß beim Beobachten und ich hoffe, dass deine Nilgänse noch lange leben.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 22 Sep 2020, 11:03
von martinmiethke
Anderl hat geschrieben:
21 Sep 2020, 08:41
… die wilde Natur in Deutschland hauptsächlich sich auf Flußaue und Gebirge beschränkt ist - alles andere ist Kulturland und wird seit Jahrhunderten umgestaltet um vom Menschen genutzt.
Gebirge … ok – aber natürliche Flussauen sind doch bei uns bis auf ganz wenige Ausnahmen verschwunden.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 22 Sep 2020, 16:12
von Hobbyfotograf
Selbstverständlich ist in bestimmten Gebieten auch das Erlegen von Tieren notwendig und kann der Arterhaltung dienen. Diese Aufgabe würde ich aber nicht einfach beliebigen Menschen mit Jagdschein überlassen. Dort wo ich wohne ist das Abschießen von Rabenkrähen mit der Begründung, dass sie Nesträuber sind, rein biologisch nicht zu vertreten und Naturschützende würden die Bejagung wohl nicht fordern. Trotzdem reduzieren Jäger hier ihre Zahl. Allein, weil sie es dürfen und wollen. Ihre Naturschuzgründe sind nur vorgegeben. Das Vorkommen der Arten, Elster und Rabenkrähe hier im Gebiet lässt das nicht zu, ihre Zahl ist viel zu niedrig. Sie solten eigentlich geschützt sein. Wenn dann doch mal einige zu sehen sind, sprechen viele gleich von einer Plage, weil sie über eine weniger angenehme Stimme verfügen.

Die Nilgänse z.B. hier gefährden an dieser Stelle bestimmt keine andere Art und auch der NABU hat eine differenzierende Sichtweise als die Jägerschaft. .

Ich habe mir mal die Mühe gemacht Jagdzeiten zu Themen wie Kormorane, Rabenvögel, Nilgänse und vor allem Wolf durchzulesen und fühlte mich bestätigt.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 24 Sep 2020, 17:30
von martinmiethke
Hobbyfotograf hat geschrieben:
22 Sep 2020, 16:12
Ich habe mir mal die Mühe gemacht Jagdzeiten zu Themen wie Kormorane, Rabenvögel, Nilgänse und vor allem Wolf durchzulesen und fühlte mich bestätigt.
Jagdzeiten? Du meinst Jagdzeitungen, oder? Zumindest ergäbe der Satz damit für mich mehr Sinn :)

Herzliche Grüße – Martin

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 25 Sep 2020, 07:49
von Anderl
Hey Martin,

jetzt liegst du im Krankenhaus und dir ist soo langweilig, dass du Jagdzeitungen liest! Das hätte ich nicht von dir gedacht ... :-)

Gute Besserung!

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 25 Sep 2020, 22:03
von martinmiethke
Anderl hat geschrieben:
25 Sep 2020, 07:49
jetzt liegst du im Krankenhaus und dir ist soo langweilig, dass du Jagdzeitungen liest! Das hätte ich nicht von dir gedacht ... :-)
Das war sicherlich nicht ernst gemeint – aber irgendwie verstehe ich den Witz nicht … :?
Gute Besserung!
Danke :)

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 06:42
von S_KL
Moin zusammen...
Ich habe länger hin und her überlegt, ob ich in diesem Thread etwas schreibe oder es sein lasse.
Da mir der Anfangspost aber nach wie vor etwas sauer aufstößt, versuche ich doch mal, meine Gedanken und Meinungen darzustellen.
Man ließt raus, dass Dein Bild von allen über denselben Kamm geschorern Jägern eher schlecht ist, vielleicht wäre eine differenziertere Sichtweise angebracht bzw. hilfreich (auch, für Dein eigenes Seelenwohl).

Ganz kurz:
Ich selbst habe keinen Jagdschein, habe aber in meinem privaten Umfeld einige aktive Jäger (übrigens alle bleifrei unterwegs) und zudem in der Vergangenheit auch immer wieder dienstlich mit Jägern Kontakt gehabt (Raubwildbejagung).
Und: Ich kenne sone und solche (ja, und auch die ganz anderen, und das sind die Schlimmsten).
Und: Ich habe im engsten Umfeld auch viele Freunde, die sich (z.T. seit Jahrzehnten) vegetarisch oder vegan ernähren.
Ich bin sicherlich keine Expertin in dem Bereich und habe zu verschiedenen Themen unterschiedlich positive oder negative Meinungen, habe schon etliche unterschiedlichen Diskussionen mit Jägern geführt (nicht nur, aber auch über Vögel) und finde das Thema insgesamt spannend zu diskutieren!
Das Problem ist nur, dass sich beide Seiten oft sehr schnell angegriffen und provoziet fühlen. Und unterhalten kann man sich bekanntlich nur, wenn beide Seiten zuhören und mit etwas Abstand auf die Sache schauen. Es ist eben, hier wie da, ein sehr emotionales Thema.

Zur Schnepfenjagd: Das große Problem ist, dass es in der Jagdschule nicht vermittelt wird. Und ja, das ist ein großes Problem. Es gibt Jagdzeiten für die Waldschnepfe (nicht nur auf dem Darß…), dass daran etwas „falsch“ ist, ist den meisten Jägern einfach gänzlich unklar („Der Gesetzgeber wird sich schon was dabei gedacht haben!“). Als ich „meinen“ Jägern erstmals erzählt habe, dass wir nicht „unsere“ Vögel, sondern nordöstliche Populationen schießen, von denen wir faktisch k(aum )eine Ahnung haben, ist in den Gesichtern auch was passiert. Ich persönlich halte von der Jagd auf diese Arten nichts.
Selbiges gilt für die Unterscheidung von Zwerg- und Blässgans u.v.m.
Es ist ein Problem. Man möchte erwarten, dass der betreffende Jäger sich entweder ausreichend weiterbildet (und dann sicher „automatisch“ auf die Bejagung solcher Arten verzichtet) oder das Federwild einfach sein lässt.
Zur Bejagung von Rabenvögeln sag ich jetzt mal nichts, denn das halte ich für unsinnig, ineffektiv und schade ums Tier, zumal ja heutzutage kaum noch mehr Krähen in die Trichinenschau und dann in die Pfanne gibt. Selbiges gilt für das allermeiste andere Federwild.

Was ist falsch an der Bejagung von Wildschweinen? ASP jetzt mal außen vor, macht es doch insbesondere an Wohngebietsgrenzen Sinn, um die Tiere aus dem Wohngebiet raus zu halten. Umgewühlte Vorgärten, Schweine in der Stadt, die immer weiter die Scheu verlieren... und das Lebensmittel Wildbret! Wenn es bei uns zuhause Fleisch gibt, dann stammt das ausschließlich von selbst geschossenem Wild (oder eigenem Hausgeflügel) - das gilt auch für Bratwurst, Wiener, Schinken, Fond/Brühe, verschiedene Aufschnitte (Bierschinken, Salami, Jagdwurst, Leberwurst, …) - alles Schwarzwild. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, halte ich das für etwa genauso ökologisch und „tierfreundich“ wie eine vegetarische Ernährungsweise (nicht regional-bio-vegan!). Die Schweinezahlen sind in den letzten Jahrzehnten explodiert (Landwirtschaft, niedrige Jugendmortalität bei höheren Geburtenraten, häufigere Mastjahre, …) - die Nahrungsgrundlagen sind einfach da und dem Schwein als Opportunist geht es einfach (zu?) gut. Die neuen technischen Möglichkeiten (Wärmebild, Nachtsicht) lassen zudem eine extrem störungsarme bis -freie Bejagung zu.
Und: Jagd im angrenzenden Wohngebiet hat für mich auch immer was mit Katzen zu tun… Und nein, kein Spaziergänger muss Angst haben, dass er/sie versehentlich getroffen wird… 😉

Thema Nilgänse: Ich selbst halte auch nichts von Jagd auf Stock- oder andere Enten sowie Möwen. Bei der Nilgans sehe ich es allerdings anders. Dass „dein“ Nilganspaar niemandem was tut, mag ja möglich sein und vielleicht daran liegen, dass in „deinem“ Gebiet nichts weiter los ist… Ich „kenne“ jedoch Nilgänse, die Schwarzstörche, Fischadler, Löffler, … „vertrieben“ haben. Wohin zieht es die Nachkommen deiner Nilgänse (und davon werden ja Jahr um mehr als genug großgezogen)? Alles unklar. Ich persönlich (!) bin absolut für die Bejagung von Nilgänsen und ich finde, dass damit viel zu spät angefangen wurde. Die Art ist in einigen(?) Bundesländern erst seit kurzem jagdbar und hat zudem eher unsinnige Schonzeiten, die an „normale Frühjahrsreproduzenten“ denken lassen…).

Die abwertende Haltung zu einem Jeep, dem städtischen Kennzeichen oder einem "Luxushochsitz" kann ich eher nicht nachvollziehen. Nebnebei kommt man mit einem Polo nicht weit, wenn man ein Schwein von nem matischen Acker bergen will - man fährt ja auch nicht mit einem Hollandrad ins Gebirge.

Das „Zwischenmenschliche“, was da zwischen dem Jäger und dem Hobbynaturgucker passiert ist, halte ich für bedenklich – beide Seiten wollten provozieren und in beiden Köpfen haben sich die bestehenden Meinugen weiter verfestigt.

Vermutlich haben sich da genau die Richtigen getroffen,
morgens um sieben am Rande des Wohngebietes…


edit: Das soll hier kein Bekehrungsversuch oder ähnliches sein, sondern nur zum Nachdenken und Diskutieren einladen. Und: Es ist keine "Wahrheit", sondern meine persönliche Meinung/Erfahrung.



PS: Ich erinnere mich an ein Forumstreffen im Cuxland 2015(?), als ein junges Forumsmitlgied (damals gefühlt um die 20, nach wie vor ein hervorragender Feldorinthologe) beim gemeinsamen Abendessen berichtete, dass er auch Waldschnepfen schießt, zum Essen. Hat mich ganz schön erschrocken.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 11:35
von Bodo
Hier mal ein Beitrag zur Bejagung der Waldschnepfe aus der "Gefiederten Welt" Jahrgang 1895.

Gruß Bodo

Zum Schutz der Waldschnepfe
Die Poesie der Jagt, die eigentliche Fülle des Jägervergnügens, dem nichts „gleichet auf Erden“,
liegt ja bekanntlich keineswegs im höchsten Grade in der Erlegung von Hirsch und Reh, von Sau
und Bär, ja nicht einmal in der Ueberlistung des Reinicke mit allen ihren Schnurren und Späßen,
sondern zweifellos in dem Schnepfenzug.
Im nahenden Frühling, wenn die ganze Natur sich rüstet, ihre hehrste Festfeier zu begehen, wenn
das köstlich frischgrüne Laub sich zu entfalten beginnt und die bunten Blüten von Tag zu Tag
mannigfaltiger und zahlreicher sich erschließen – dann eilt der Jäger hinaus, um des köstlichen
Genusses theilhaftig zu werden, den sein Beruf mit sich bringt. Und für viele, ja ich glaube sagen zu
dürfen, für die beiweiten meisten Grünröcke steht jetzt der Naturgenuß höher, als die Jagd an sich –
bewußt oder unwillkürlich.
Der Naturfreund und mit ihm der „edle“ Jäger, der seine Thiere liebt und hegt, der nicht bloß ein
Töter, ein Schlächter, sondern ein Beschützer und gleichsam Züchter der Jagtthiere ist – der muß
nun doch unwillkürlich an das harte Los gerade des Vogels denken, dem er die schönste,
poesiereiche Jagt verdankt, der Waldschnepfe. Sie wird als Gast oder vielmehr nur Wanderer auf
dem Durchzug in der schnödesten Weise schutzlos verfolgt.
An verschiedenen Stätten der Haupt-Schnepfenjagt auf dem Frühjahrs- und Herbstzug will man mit
Entschiedenheit festgestellt haben, daß die Anzahl der zu beiden Zeiten durchwandernden
Schnepfen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erheblich verringert sich zeige. Derartige Behauptungen
lassen sich allerdings, auch nur mit einer gewissen Sicherheit, äußerst schwierig feststellen, da ja
der Zug infolge wechselnder Witterung ein außerordentlich unregelmäßiger ist. In den Stimmen
zahlreicher Sachverständigen haben wir aber ganz entschieden den Beweis der Verringerung der
Waldschnepfe allenthalben vor uns.
Doch selbst abgesehen davon – von einem ganz anderen Gesichtspunkt von allein aus tritt uns die
ernste Mahnung zum Schutz und zur Schonung dieses Vogels, wenigstens soweit als ein solcher zu
erziehlen angängig ist, entgegen.
Die Stimmen, die sich in unserer Zeit so recht dringend gegen die rücksichtslose Beschießung der
Waldschnepfe im Frühjahr erhoben haben, Dr. von Gloeden und A. von Schanzkow, sowie dann
namentlich auch in seiner vortrefflichen Monographie „Die Waldschnepfe“ Dr. Julius Hoffmann,
haben vor allem darauf hingewiesen, daß bei entsprechender Schonung die Waldschnepfe bald in
unserem ganzen weiten deutschen Vaterland ein zahlreich nistender Brutvogel sein würde. Ich füge
noch zwei Gesichtspunkte hinzu. Zunächst den idealen, welche furchtbare Härte und Grausamkeit
doch darin liegt, die Waldschnepfe allenthalben gerade dann massenhaft abzuschießen, wenn sie
unmittelbar vor der Brut steht, also ihr, den harmlosen und überaus werthvollen Vogel, gegenüber
ein Verfahren zu üben, das der Mensch in aller seiner Grausamkeit sonst nur den schädlichen
Thieren zuzufügen pflegt. Dann mache ich den volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt geltend, wie
sehr die Natur und damit der Besitzstand der Menschen geschädigt wird, wenn soundsoviele dieser
Vögel unmittelbar vor der beginnenden Brut, überaus häufig sogar mit Eiern im Leibe, ertötet
werden. Auch kann ich unseren Jägern den Hinweis nicht ersparen, welch schweres Unrecht darin
liegt, wenn wir von den Südländern am Mittelmeer verlangen, daß sie unsere Wandervögel um der
Barmherzigkeit und unseres Vorteils willen verschonen sollen, sie nicht fernerhin um ihres sog.
Jagtvergnügens, des kärglichen Erwerbs und um der schnöden Schleckerei der Fremden willen
immerfort zu Hunderttausenden töten sollen - - während wir die werthvollen Zugvögel des Nordens
in so rücksichtsloser Weise zur Brutzeit vernichten.
Man zeihe mich nicht lerer Sentimentalität. Ich verlange ja weiter nichts, als für die Waldschnepfe
und sodann auch für unsere anderen Schnepfen Schutz, also Schonzeit, von Beginn ihres Nistens
an. Möge man immerhin selbstverständlich der Schnepfenjagt freien Spielraum gönnen den Herbst
hindurch und auch im Frühjahr, jedoch nur solange, bis in jeder einzelnen Gegend durch
Sachverständige festgestellt werden kann, daß die Schnepfen zu legen beginnen. Dies müßte
jemalig in gleicher Weise wie der Anfang der Hasen- und Rebhühnerjagt durch eine Kommission
von Sachverständigen geschehn, und der Zeitpunkt würde natürlich je nach der Lage eines jeden
einzelnen Strichs ein verschiedener sein.
Hätte ich einen bedeutenden Einfluß auf die maßgebenden weiteren Kreise unserer deutschen
Jägerschaft, so würde ich sie noch um etwas ganz Anderes, ungleich Bedeutungsvolleres bitten.
Dies wäre nämlich der Vorschlag, daß die Jäger in ganz Deutschland sich dahin einigen möchten,
dem herrlichen Jagdvogel Schutz zu gönnen, ganz und voll, abwechselnd in den verschiedenen
Theilen unseres Vaterlands und zwar immer für drei Jahre in der Rheinprovinz und in Ostpreußen,
in Schlesien und dann wiederum in Pommern, ebenso wechselnd aber auch im übrigen
Deutschland. Selbstverständlich würde ich diesen Schutz nur für den Frühling, nicht aber für die
Zeit der Herbstjagt beanspruchen. Am besten wäre freilich, wenigstens bis auf weiteres, das
gesetzliche Verbot der Schnepfenjagt im Frühling überhaupt, denn nur dann, wenn wir
vernünftigerweise keine Schnepfen unmittelbar vor der Buntzeit erlegen, keine Kibitzeier mehr aus
den Nestern rauben, keine nützlichen und herrlich singenden Drosseln als Krammetsvögel mehr
verspeisen, erst dann dürfen wir verlangen, daß in den Ländern am Mittelmeer auch nicht mehr
unsere Nachtigalen, Rotkehlchen, Schwalben u. a. zu Hunderttausenden alljährlich im Frühjahr und
Herbst getötet werden.
Dr. Karl Ruß

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 12:52
von S_KL
Na, das würde doch hinbekommen. Bis Mitte Oktober hat die Waldschnepfe Schonzeit.

Immernoch großer Mist, da so fremde Bestände bejagt werden, von denen wir nicht wissen, wie es ihnen geht.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 13:35
von Hobbyfotograf
Ich komme aus NRW. Seit dem Regierungswechsel haben die Jäger*innen hier eine deutlich bessere Lobby. 2015 hat die alte Regierung erst ein "ökologisches Jagdgesetz" eingeführt, dass jetzt schon wieder gekippt wurde.

Von einem Aufschrei in der Jägerschaft ist hier nichts bekannt, ganz im Gegenteil, den gab es als 2015 das "ökologische Jagdgesetz" eingeführt wurde, dass z.B. bleihaltige Munition ganz verboten hat. Das ist natürlich jetzt nicht mehr so.

Wer will kann sich den Text der Deutschen Jagdzeitung dazu mal zu Gemüte führen. Und ja ich gebe zu, mich lässt das emotional tatsächlich nicht kalt. Ich würde sogar empfehlen, ihn sorgfältig bis zum Ende zu lesen. Weil auch der letzte Satz bedeutenden Charakter hat.

Er lautet:
"Zur Sicherung europäischer Vogelschutzgebiete ist es verboten, während der Brutzeit vom 1. März bis zum 31. Juli Hunde unangeleint zu lassen. Hiervon ausgenommen sind nun Gebrauchshunde in Verwendung."

Sebstverständlich wird sich auch der Waldschnepfe auf für die Jägerschaft so typische Art gewidmet.Vorher waren ihnen noch die Hände gebunden, jetzt kann Hand angelegt werden:

"Die Vollschonung für die Waldschnepfe ist aufgehoben, sie kann wieder vom 16.10. bis zum 15.01. bejagt werden, wobei auch bei der Jagd auf Schnepfen brauchbare Jagdhunde einzusetzen sind."

Wobei ich ausdrücklich betone, dass es mir hier nicht nur um die Waldschnepfe geht.....

https://djz.de/nrw-landesjagdgesetz-tritt-in-kraft/

Der BUND zum Thema:

https://www.bund-nrw.de/themen/natursch ... setz-2018/

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 18:39
von Deleted User 880
Hobbyfotograf hat geschrieben:
29 Sep 2020, 13:35
Wer will kann sich den Text der Deutschen Jagdzeitung dazu mal zu Gemüte führen. Und ja ich gebe zu, mich lässt das emotional tatsächlich nicht kalt. Ich würde sogar empfehlen, ihn sorgfältig bis zum Ende zu lesen. Weil auch der letzte Satz bedeutenden Charakter hat.

Er lautet:
"Zur Sicherung europäischer Vogelschutzgebiete ist es verboten, während der Brutzeit vom 1. März bis zum 31. Juli Hunde unangeleint zu lassen. Hiervon ausgenommen sind nun Gebrauchshunde in Verwendung."
Auch nach mehrfachem Lesen erschließt sich mir nicht der "bedeutende Charakter" des letzten Satzes. Für mich ist es logisch, dass Gebrauchshunde selbstredend vom Leinenzwang ausgenommen sind.

Helge

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 19:10
von S_KL
Flatfischer hat geschrieben:
29 Sep 2020, 18:39
Für mich ist es logisch, dass Gebrauchshunde selbstredend vom Leinenzwang ausgenommen sind.
Helge
Jupp. Seh ich auch so...

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 19:55
von Hobbyfotograf
Die Logik wäre dann ja wieder hergestellt. Hier ist das Wort "nun" im Satz bedeutedn, weil es dafür steht, dass es für kurze Zeit mal anders und der Leinenzwang für alle Hunde galt.

Für mich gibt es hier allerdings auch verschiedende Betrachtungsweisen und somit nicht nur diese eine "Logik". Was in eine Vogeschutzgebiet während der Brutzeit möglich ist und was nicht, hat für mich tatsächlich bedeutenden Charakter.

Außerdem habe ich geschrieben, dass für mich auch der letzte Satz bedeutenden ist. Auch all die anderen Entscheidungen sehe ich selbstverständlich mehr als kritisch. (Bleifrei gejagt wird jetzt natürlich auch nicht mehr.)

Die Logik des neuen Jagdgesetz ist, dass den Naturschutzverbänden kein Mitspracherecht hatten, während die Jägerlobby ihre Interessen durchbekommen hat.
.

Re: Begegnung mit einem Jäger

Verfasst: 29 Sep 2020, 20:12
von Deleted User 880
Ich gebe zu, dass der letzte Satz etwas verwirrend ist. Wenn man das Wort "nun" durch "nur" ersetzt, ist es stimmiger. Kleiner Tipfehler, große Wirkung...

Gruß Helge