Twilight-Robin
Verfasst: 24 Nov 2024, 22:15
Twilight-Robin
Es war ihm zum Ritual geworden: bevor er den Wald verließ, machte er am Grenzgraben Rast, an einer leicht erhabenen Stelle, abseits des Weges.
Von hier aus ließ sich die Au nordwärts überblicken, das Schilf, die Weidenplantagen. Abgeweidete Wiesen. Mit dem Glas, das ihm neulich geschenkt wurde, liessen sich sogar in der Ferne die Dächer der Häuser am Dorfrand erkennen, oberhalb des Maroschhanges. Da, am Karrenweg - die Elstern in den Schlehen. Daneben zwei spielende Kinder am dichten Attich. Davor, über die breite Au, fielen in großen Schwärmen die Stare lautlos ins Schilf wie jeden Abend. Hoben sich wieder und senkten sich in wabernden Wellen die erst spät in der Dämmerung abebbten.
Um ihn herum raschelten Mäuse im Laub und er spielte mit Klicken zwischen den Fingern, rollte sie mit der Handfläche über den Schenkel um die Unebenheiten zu spüren. Wenn er mit ihnen einhändig jonglierte machten sie Klickgeräusche wenn sie sich versehentlich trafen. Der Waldboden war übersät von ihnen. Sie waren wärmer als das Fernglas.
Früher dachte er, es wären Früchte der Bäume. In einem alten Konversationslexikon fand er zufällig die Galläpfel auf einer Zeichnung. Ungläubig war er danach in den Wald gelaufen, hatte sie mit dem Messer aufgeschnitten, die weiße Wespenlarve darin gefunden und angestarrt. Wie lange war das her? Zwei Jahre? Die Stieleichen sah er seither anders, geheimnisvoller.
Damals war er ja noch Kind. Jetzt aber schon fast erwachsen und weit erfahrener. Mit dem neuen Glas konnte er die Junghirsche in der Akazienschonung von ganz nah betrachten. Ihre blutenden Baststangen, ihre dichten Girlanden aus Kletten am Hals und sogar die Haarlinge, die mit rechtwinkligen Spinnenbeinen aus ihrem Fell krochen und wie zuletzt auf der Stirn der Hirschkuh, zwischen den Augen im Fell wieder verschwinden konnten. Er hatte gelernt sich so zu bewegen, dass die Rudel ihn nicht kommen hörten obwohl sie die großen Lauscher oft in seine Richtung drehten. Das Glas war so gut, dass er die Rotkehlchen gestochen scharf sehen konnte, die manchmal kamen wenn die Hirsche inne hielten beim Wasserlassen um dann ganz dicht an ihren Hufen vorbeizuhüpfen, zu verharren und mit schräggelegtem Kopf nach den Kerbtieren zu lugen die vom Urinstrahl aufgescheucht worden waren.
Wie verblüfft war er gestern gewesen, als ihm genau das selbst passierte, da drüben am Spechtbaum wo er sein Wasser abschlug bevor er den Wald verließ um hinauf ins Dorf zu gehen. Das Rotkehlchen war ihm fast auf die Schuhe gehüpft.
Er versuchte einige Klicken in ein leeres Drosselnest zu werfen, da wo er die blauen Eier gesehen hatte im Mai. Kein Treffer. Dafür erschraken die Mäuse. Eine rannte in seine Richtung, setzte sich dann aber so vor eine Wurzel hin, dass er den schwarzen Aalstrich auf ihrem Rücken gut sehen konnte und begann sich zu putzen. Sie war so nah, dass er sie im Glas nicht mehr scharf stellen konnte. Das sah aus als hätte man ihr den Schwanz auf den Rücken geklebt. Jetzt erst hatte sie ihn bemerkt und huschte davon. Ihr Schwanz war heller gewesen als der dunkle Strich auf dem Rücken. Im Dorf gab es solche Mäuse nicht.
Erste Sterne waren zu sehen. Die schmale Mondsichel würde heute kaum Licht machen. Er müsste gehen. Ein C wie heute bedeutet Decrescendo. Bald ist Neumond. Wenn der Mond wie ein D aussieht, ist er im Crescendo. Das hatte er letztes Schuljahr von seinem Deutschlehrer gelernt. Der hatte studiert in Klausenburg - da lernt man sowas.
Gerade als er bedauerte, dass er dem Fuchs nicht mehr gut beim Mausen zuschauen konnte, ließ ihn ein Alarmruf aufschrecken, wie er ihn noch nie gehört hatte. Es klang wie ein hastiges abgehacktes „Siiieb“. Ein Rotkehlchen kam aus dem Wald heraus an ihm vorbei auf die Wiese hinausgeschossen, eine große Eule mit flinken runden Flügeln lautlos dicht hinter ihm her, kaum gebremst durchs Gezweig. Das musste der Waldkauz sein. Wo wollte das Kleine hin?
Er war schon so geschickt mit dem Glas, dass er beide sofort verfolgen konnte: es versuchte tatsächlich hinüber zu den Weiden zu gelangen. Nur leichte Haken flog es, nach links und nach rechts etwa mannshoch übers Gras. Der Kauz kam merklich näher. Dann plötzlich beide unvermittelt steil nach oben in den dunklen Abendhimmel hinein. Er grinste schon: so lässt sich also ein blöder Eulerich austricksen…
Ohne das helle Schilf im Hintergrund konnte man nichts mehr erkennen. Im Zwielicht hatte er beide völlig verloren. Er ließ das Glas sinken. Mit angehaltenem Atem starrte er bange Sekunden in den leeren Himmel. Da erklang ihr Todesschrei.
Es war ihm zum Ritual geworden: bevor er den Wald verließ, machte er am Grenzgraben Rast, an einer leicht erhabenen Stelle, abseits des Weges.
Von hier aus ließ sich die Au nordwärts überblicken, das Schilf, die Weidenplantagen. Abgeweidete Wiesen. Mit dem Glas, das ihm neulich geschenkt wurde, liessen sich sogar in der Ferne die Dächer der Häuser am Dorfrand erkennen, oberhalb des Maroschhanges. Da, am Karrenweg - die Elstern in den Schlehen. Daneben zwei spielende Kinder am dichten Attich. Davor, über die breite Au, fielen in großen Schwärmen die Stare lautlos ins Schilf wie jeden Abend. Hoben sich wieder und senkten sich in wabernden Wellen die erst spät in der Dämmerung abebbten.
Um ihn herum raschelten Mäuse im Laub und er spielte mit Klicken zwischen den Fingern, rollte sie mit der Handfläche über den Schenkel um die Unebenheiten zu spüren. Wenn er mit ihnen einhändig jonglierte machten sie Klickgeräusche wenn sie sich versehentlich trafen. Der Waldboden war übersät von ihnen. Sie waren wärmer als das Fernglas.
Früher dachte er, es wären Früchte der Bäume. In einem alten Konversationslexikon fand er zufällig die Galläpfel auf einer Zeichnung. Ungläubig war er danach in den Wald gelaufen, hatte sie mit dem Messer aufgeschnitten, die weiße Wespenlarve darin gefunden und angestarrt. Wie lange war das her? Zwei Jahre? Die Stieleichen sah er seither anders, geheimnisvoller.
Damals war er ja noch Kind. Jetzt aber schon fast erwachsen und weit erfahrener. Mit dem neuen Glas konnte er die Junghirsche in der Akazienschonung von ganz nah betrachten. Ihre blutenden Baststangen, ihre dichten Girlanden aus Kletten am Hals und sogar die Haarlinge, die mit rechtwinkligen Spinnenbeinen aus ihrem Fell krochen und wie zuletzt auf der Stirn der Hirschkuh, zwischen den Augen im Fell wieder verschwinden konnten. Er hatte gelernt sich so zu bewegen, dass die Rudel ihn nicht kommen hörten obwohl sie die großen Lauscher oft in seine Richtung drehten. Das Glas war so gut, dass er die Rotkehlchen gestochen scharf sehen konnte, die manchmal kamen wenn die Hirsche inne hielten beim Wasserlassen um dann ganz dicht an ihren Hufen vorbeizuhüpfen, zu verharren und mit schräggelegtem Kopf nach den Kerbtieren zu lugen die vom Urinstrahl aufgescheucht worden waren.
Wie verblüfft war er gestern gewesen, als ihm genau das selbst passierte, da drüben am Spechtbaum wo er sein Wasser abschlug bevor er den Wald verließ um hinauf ins Dorf zu gehen. Das Rotkehlchen war ihm fast auf die Schuhe gehüpft.
Er versuchte einige Klicken in ein leeres Drosselnest zu werfen, da wo er die blauen Eier gesehen hatte im Mai. Kein Treffer. Dafür erschraken die Mäuse. Eine rannte in seine Richtung, setzte sich dann aber so vor eine Wurzel hin, dass er den schwarzen Aalstrich auf ihrem Rücken gut sehen konnte und begann sich zu putzen. Sie war so nah, dass er sie im Glas nicht mehr scharf stellen konnte. Das sah aus als hätte man ihr den Schwanz auf den Rücken geklebt. Jetzt erst hatte sie ihn bemerkt und huschte davon. Ihr Schwanz war heller gewesen als der dunkle Strich auf dem Rücken. Im Dorf gab es solche Mäuse nicht.
Erste Sterne waren zu sehen. Die schmale Mondsichel würde heute kaum Licht machen. Er müsste gehen. Ein C wie heute bedeutet Decrescendo. Bald ist Neumond. Wenn der Mond wie ein D aussieht, ist er im Crescendo. Das hatte er letztes Schuljahr von seinem Deutschlehrer gelernt. Der hatte studiert in Klausenburg - da lernt man sowas.
Gerade als er bedauerte, dass er dem Fuchs nicht mehr gut beim Mausen zuschauen konnte, ließ ihn ein Alarmruf aufschrecken, wie er ihn noch nie gehört hatte. Es klang wie ein hastiges abgehacktes „Siiieb“. Ein Rotkehlchen kam aus dem Wald heraus an ihm vorbei auf die Wiese hinausgeschossen, eine große Eule mit flinken runden Flügeln lautlos dicht hinter ihm her, kaum gebremst durchs Gezweig. Das musste der Waldkauz sein. Wo wollte das Kleine hin?
Er war schon so geschickt mit dem Glas, dass er beide sofort verfolgen konnte: es versuchte tatsächlich hinüber zu den Weiden zu gelangen. Nur leichte Haken flog es, nach links und nach rechts etwa mannshoch übers Gras. Der Kauz kam merklich näher. Dann plötzlich beide unvermittelt steil nach oben in den dunklen Abendhimmel hinein. Er grinste schon: so lässt sich also ein blöder Eulerich austricksen…
Ohne das helle Schilf im Hintergrund konnte man nichts mehr erkennen. Im Zwielicht hatte er beide völlig verloren. Er ließ das Glas sinken. Mit angehaltenem Atem starrte er bange Sekunden in den leeren Himmel. Da erklang ihr Todesschrei.