Ich versuche mich mal ein wenig in Prosa:
138?
Ich schrecke aus meinem wohltuenden Schlummer hervor. Hinter mir hat sich etwas bewegt. Es ist kurz vor Mitternacht, eiskalt, zappenduster und erstaunlich ruhig. Keine Eule ruft, keine Nachtigall schmettert, für Grillen ist es sowieso noch zu früh im Jahr und nicht mal der Wind weht. Das einzige was die Ruhe stört ist Chris' ratlose Stimme: "Wir sollten es noch mal unten im Tal versuchen..."
Ich stehe auf, setze meinen viel zu schweren Rucksack auf und schlurfe zum Fahrrad. Ich befestige meine Fahrradlampe am Lenker, sie blitzt kurz auf und ist wenige Sekunden später schon auf die Hälfte ihrer Leuchtkraft zusammengesackt. Auch ihr ist es offenbar einfach zu kalt heute Nacht, dabei hatte ich ihr doch extra für diesen Tag neue Batterien spendiert.
Das Quietschen meiner Fahrradbremsen durchschneidet die Stille als wir den Hügel halbblind herunterrollen. In der Ferne hört man das Wummern einer fetten Party, dort fängt der Spaß gerade erst an, bei uns ist er fast vorbei: „Endlich“, denke ich mir klammheimlich, „Warum tu ich mir diesen Scheiß jedes Jahr aufs Neue an?“
Vor uns erscheinen drei Lichter und kommen immer näher. Obwohl man nichts weiter sieht, als diese drei weißen Punkte inmitten dieser ungemütlichen Schwärze, wissen Chris und ich genau wer da auf uns zufährt. Es sind die Perlhühner, genauer das Team „Hamburch, mein Perlhuhn“, unsere Erzrivalen zumindest an diesem einen Tag im Jahr. Schon vor zwei Jahren hatten wir den Stadtsieg zum Greifen nah, doch schlechtes Timing gegen Ende und Pech mit den Nachtartenmachten uns einen Strich durch die Rechnung.
Die Perlhühner entdecken nun auch uns und bleiben stehen: „Na, wo steht ihr so?“ fragen sie uns, viel zu wenig schlecht gelaunt. „136“ antworte ich, leicht hoffnungsvoll dass wir zumindest gleichauf liegen könnten, „Und ihr so?“. „138!“ ist die ernüchternde Antwort. Zwei Arten! Wo sollen wir die denn jetzt noch herholen, wir versuchen es doch schon seit über 2 Stunden komplett erfolglos. Dass bei der Kälte sämtliche Ziegenmelker im Torpor verharren ist klar, selbst wenn schon welche aus dem Süden zurückgekehrt sein sollten. Aber wieso hatte das Perlhuhn denn bitte Waldohreule, Heidelerche und Waldschnepfe, obwohl von unserem Hügel absolut alles zu hören hätte sein müssen? Die Waldschnepfe hatten wir heute Morgen schon einmal, aber die zwei anderen wären neu für uns.
Und so wünscht man sich gegenseitig eine gute Nacht und hofft inständig, dass das Perlhuhn-Team nicht noch irgendwo eine Wachtel hört. Wir fahren in die entgegengesetzte Richtung noch einmal tief rein in die Fischbeker Heide, offenbar sind ja doch irgendwo Vögel zu finden.
Und tatsächlich kreuzt nach 500 Metern eine helle Silhouette den Kegel unserer Fahrradlichter. Waldohreule! Geht doch! Chris schöpft noch einmal neue Hoffnung, während ich einfach nur versuche nicht auf dem Fahrrad einzuschlafen. Er schleppt mich über die verwegensten Pfade von einem Spot zum Nächsten. Hier hatte die Schleiereule mal ein Nest. Hier war die Heidelerche letztes Mal schon von weitem zu hören. Und hier hatte das andere Team sie fahrlässigerweise schon bei ornitho für heute verortet. Aber es bringt alles nichts. Absolut keine singende Lerche, kein grässliches Schleiereulen-Fauchen, rein gar nichts. Nur das Wummern der entfernten Party.
„Lass gut sein“ sage ich zu Chris und widerwillig kommt er mit in Richtung S-Bahn. Während wir noch am Bahnsteig warten horcht er noch ein paar Minuten in die Nacht. Vor ein paar Jahren hatte er von hier aus die Wachteln schlagen gehört, doch heute wird das nichts mehr. Unglückselig steigen wir in die S-Bahn und wurden mal wieder geschlagen. Dabei wäre der Sieg sowas von möglich gewesen, wenn wir da bloß nicht dieser Motivationsknick gegen 18 Uhr gewesen wäre, der uns locker fünf Arten gekostet hatte.
90?
Der wohlklingende Ruf überfliegender Kraniche weckt mich aus meinem viel zu kurzen Schlaf. Meine Glieder schmerzen, auf dem Fußboden war es nicht besonders angenehm. Ich schlurfe ins Nebenzimmer, wo auch Chris gerade wach wird. Es ist Viertel vor zwölf. In 15 Minuten startet der Tag auf den ich seit einem Jahr warte, die letzten Tage konnte ich an kaum etwas anderes denken. Bis vor wenigen Stunden saß ich noch auf meinem Rad um letzte Streckenabschnitte zu scouten. Jetzt geht es weiter, wieder aufs Rad, aber diesmal zählt jeder gefundene Vogel tatsächlich auch.
Die Kranichrufe waren leider nicht live, sondern aus der Konserve. So klingt mein Wecker seit etwa einem halben Jahr, aber mit Sicherheit würden wir in Kürze echte Kraniche rufen hören. Hier im Brook brütet ein gutes Dutzend dieser Glücksvögel und zu jeder Tageszeit kann man den einen oder anderen Vogel trompeten hören.
Chris und ich verlassen die Försterei und fahren zum BrookHus, wo uns schon Mathis erwartet. Paul taucht wenig später auch auf und ich unterbreite ihnen meinen Plan. In der Umgebung gibt es zwei Scheunen aus denen vor einiger Zeit Schleiereulen gemeldet wurden, die wollen wir als erstes besuchen, bevor wir uns im Brook an Rohrschwirl, Blaukehlchen und co. versuchen werden.
Schnell wird klar, dass diese Nacht nicht optimal ist, es ist nasskalt und nicht mal ein Rotkehlchen singt im Licht einer Straßenlampe. Wir stehen eine dreiviertel Stunde neben der ersten Scheune, bevor es zu Scheune zwei geht. Auch hier ist keine Eule zu hören, aus der Entfernung kommt immerhin ein mysteriöses „Huu“, möglicherweise ein weit entfernter Uhu.
Im Brook leuchten im Licht unserer Fahrradlichter die Reflektoren von drei Fahrrädern auf. Dort stehen die drei Perlhühner und lauschen dem Schnurren eines Rohrschwirls. Auch sie sind schon seit Mitternacht unterwegs, haben aber immerhin schon ein paar Gänse, Enten und Kraniche gehört. Für uns ist der Rohrschwirl nach anderthalb Stunden auf den Beinen die erste (bestimmbare) Vogelart. Mit vorsichtigen Fragen versucht man die Pläne des Gegners zu erfahren ohne dabei seine eigenen Pläne zu offenbaren. „Wann habt ihr die Schwalbe eingeplant?“ fragt Guido. Gemeint ist eine am Vorabend entdeckte Rötelschwalbe am ganz anderen Ende der Stadt. „Viertel nach Zwölf“, antworte ich, ganz offensichtlich eine Schwachsinnsantwort. Heute ist eine Rötelschwalbe kaum mehr wert als eine Rauchschwalbe. In Wahrheit wissen wir es noch nicht. Unsere Hoffnung ist, dass jemand anderes den Vogel wiederfindet und wir dann spontan gucken, ob und wie sie in unseren Zeitplan passt.
Unsere Wege trennen sich, wie es noch öfters der Fall sein wird heute. Langsam, ganz langsam bekommen wir auch die Gänse, Enten und die erhofften Kraniche auf unsere Liste. Als sich eine Wasserralle meldet fällt ein erster Stein vom Herzen. Trotz der Kälte sind Frösche zu hören. Neben Seefröschen quakt auch ein Laubfrosch. Einzelne Rufe von Waldkauz, Uhu und Bekassine sind erste Erfolge des frühen Aufstehens.
In einer Beobachtungshütte warten wir schließlich auf die Dämmerung und entgehen so dem ein oder anderen Regenschauer. Ich lege meinen Kopf auf meine Arme und erlaube mir ein paar Minuten Schlaf. Verpasst habe ich zum Glück nichts, als die anderen noch eine kleine Runde drehen wollen. Die erhoffte Waldohreule findet sich nicht, aber immerhin hören wir im allerersten Dämmerlicht je eine Waldschnepfe und einen Waldwasserläufer, außerdem die ersten Gartenrotschwänze und Rotkehlchen.
Zurück in der Beobachtungshütte fängt das richtige Morgenkonzert ganz zaghaft mit einem Blaukehlchen an, dann ab 4:45 geht es Schlag auf Schlag. Quasi im Minutentakt kommt eine neue Art auf die Liste. Gleichzeitig schießen vier Zeigefinger in die gleiche Richtung und die dazugehörigen Münder werfen unisono mit Vogelnamen um sich: „Amsel“, „Singdrossel“, „Buchfink“, „Baumpieper“. Bald stehen die ersten spannenden Singvögel auf der Liste, die mir Sorgen gemacht hatten: Gartengrasmücke, Waldbaumläufer und Weidenmeise. Pünktlich um 6:00 Uhr haben wir 50 Arten geknackt. Das Ziel im Duvenstedter Brook sind ganz klar mindestens 90 Arten, in früheren Jahren hatten sogar schon 100 Arten geklappt. Tatsächlich spielen die allermeisten Arten mit, mit Wacholderdrossel, Birkenzeisig und Fichtenkreuzschnabel gibt es sogar drei größere Überraschungen, andere Arten machen Probleme. Baumfalke, Seeadler, Grünspecht und Haubenmeise hatte ich schon vorher als Problemarten ausgemacht, obwohl sie hier absolut nicht selten sind, bloß halt zu dieser Jahres- und Tageszeit schwierig. Bei einem kurzen Frühstück in der Försterei schaffen wir es einem heftigen Graupelschauer zu entgehen, dann wagen wir einen letzten Versuch um ein paar wichtige Lücken zu schließen. Schwarzspecht, Wiesenpieper und Singschwan klappen dann zum Glück doch noch, während Rohrweihe, Kleinspecht und Schellente heute unauffindbar bleiben.
Um 10:00 fahren wir zur U-Bahn, 89 Arten stehen auf der Liste. Eigentlich ist damit das Pflichtziel verfehlt, aber zumindest sind die Arten die wir hatten größtenteils die Wichtigen. Schwanzmeise, Turmfalke und Hausrotschwanz kriegen wir schon noch.
Höhen und Tiefen
Schon als wir aus der U-Bahn in der Uhlandstraße steigen wird klar, dass es die richtige Strategie war in Richtung Innenstadt zu fahren. Ein Wanderfalke kreist mit Beute um einen Kirchturm.
An der Außenalster werden die Kameras aus den Rucksäcken gekramt. Ein Rothalstaucher schwimmt quasi auf Streicheldistanz neben dem Ufer. Zwischen hunderten Segelbooten und tausenden Schwalben flattern 3 Zwergmöwen und mindestens 7 Flussseeschwalben. Aus einer vermeintlichen Zwergseeschwalbe auf der anderen Alsterseite wird dann doch bloß eine junge Zwergmöwe (Hey, immerhin hat das Zwerg-Präfix gestimmt!), aber diese eine andere Seeschwalbe wirkt doch nun wirklich etwas anders? Tatsächlich, dort fliegt eine Küstenseeschwalbe, alles andere als alltäglich in Hamburg!
Weiter geht es zum Öjendorfer See, auf dem Weg dahin fahre ich an einem quietschenden Vogel vorbei, den ich voreilig als Star ablege. Zum Glück pfeift mich Paul zurück: „Da ruft doch gerade ein Gelbspötter!“
Am See ist es dann Mathis, der einen Vogel nach dem anderen für uns findet. Ich wüsste zu gerne, wie er diese ganzen winzigen Punkte vor dem weißen Wolkenhimmel immer entdeckt. Hier ein Rotmilan, dort ein Seeadler, zwei Weißstörche und ein Sperber. Läuft doch eigentlich ganz ordentlich. Eigentlich müsste hier noch ein Schwarzhalstaucher schwimmen, gestern war er noch da, aber heute hat er wohl andere Termine. Ob er sich wohl dem Perlhuhn gezeigt hat? „Halt!“ rufe ich noch ein letztes Mal, „Brautente zwischen den Gänsen da drüben“, die war vorhin noch nicht da.
Eben haben wir ein weiteres Konkurrenzteam getroffen, „St. Pica Pica“. Obwohl sie einen Wendehals im Höltigbaum hatten läuft es bei ihnen nicht ganz so gut, wie bei uns, das nasskalte Wetter hilft auch ihnen heute nicht. Ihnen würde ich den Sieg ebenfalls gönnen, sie sind ein wenig wie Bayer Leverkusen des Hamburger Birdraces. Immer ganz ordentlich dabei, aber eigentlich ohne große Chancen auf die Meisterschaft. "Hamburch, mein Perlhuhn" wäre in diesem Gedankenspiel dann wohl Bayern München. Jedes Jahr werden sie Meister und auch wenn man weiß, dass sie es sich hart erarbeitet haben, gönnt man es ihnen nicht mehr so ganz. Und wir, die „Little Stints“ sind dann wohl Dortmund: Immer ganz nah am Titel und dann doch wieder so knapp daran vorbei. Und wer mir jetzt mit „Dabei sein ist alles“ kommt, der hat noch nie bei einem so unfassbar wichtigen Event wie dem Birdrace teilgenommen. Hier geht es nicht um Spaß, hier geht es um Ehre, um Können, um Emotionen, es geht um die Wurscht! Naja, ein bisschen geht es auch um den Spaß

Boberg erweist sich als Reinfall, ich habe damit gerechnet. Keine Heidelerche, kein Kleinspecht, nur die Schwanzmeisen klappen hier endlich. Im Landschaftskorridor Allermöhe gibt’s dann immerhin Rotschenkel, Knäkente und eine einzelne Schwarzkopfmöwe, am Westensee singt ein Schilfrohrsänger.
Dann fordert das Birdrace ein erstes Opfer: Paul begibt sich übermüdet nach Hause. Kurz darauf verkündet auch Mathis seinen Rückzug, immerhin ist er noch bis zum Holzhafen dabei. Im Kleinen Brook läuft es eigentlich ziemlich gut, verschiedene Gänse und Limikolen lassen sich hier blicken, endlich auch die erste Lachmöwen. Wer sich auch wieder blicken lässt sind die Perlhühner. Und was sie uns mitteilen ist niederschmetternd. Sie führen deutlich, haben 128 Arten, waren noch nicht in Allermöhe, haben dafür die Tide im Holzhafen besser abgepasst als wir. Ich habe inzwischen die Übersicht über unsere Liste verloren, bin mir aber recht sicher, dass wir irgendwo im niedrigen 120er-Bereich herumdümpeln.
Das Motivationsloch
Die Motivation ist im Keller. Wir liegen uneinholbar hinten, das Team ist bald halbiert und das Wetter fordert seinen Tribut. Ich überlege ernsthaft auch das Handtuch zu werfen. Durch das NSG „Die Reit“ rasen wir hindurch, nach dem Schwarzhalstaucher vorhin macht jetzt auch noch der Zwergtaucher Probleme. An Grün- und Kleinspecht ist bei diesem Wind gar nicht erst zu denken. Mehr mit Glück als Verstand klappt die Türkentaube, die fast unübersehbar auf einer Straßenlampe singt und trotzdem nur auf der Liste landet, weil ich ihren Sitzplatz am Vortag beim Scouten gefunden hatte. Im Holzhafen dann die riesen Ernüchterung: Hochwasser! Absolut keine rastenden Limikolen, die gemeldeten Seeschwalben alle abgezogen inklusive der Trauerseeschwalbe die wir doch dringend brauchen. Nicht mal eine Mantelmöwe können wir ausmachen, dabei ist die hier eigentlich garantiert. Als kleine Trostpflaster immerhin eine Steppenmöwe und ein Schnatter- x Stockenten-Hybrid. Der ist zwar spannend, bringt aber heute leider keine Punkte.
Nach einer miserablen dreiviertel Stunde machen wir uns auf zur S-Bahn-Station. Weiterhin frage ich mich, ob ich wirklich weitermache oder abbreche. Irgendein komplett verrückter Teil in mir gewinnt das interne Tauziehen und ich ringe mich dazu durch doch noch Richtung Neugraben-Fischbek zu fahren. Als ob irgendein Birdergott mir Mut machen möchte klappen in allerletzter Sekunde plötzlich noch Zwergtaucher und Grünspecht.
In der S-Bahn krame ich unsere Liste heraus und rechne nach: „40 plus 36 plus 35 plus 24, wie viel macht das?“ Mein Hirn ist kompletter Matsch, deshalb glaube ich erstmal mich verrechnet zu haben. „Chris hat dein Handy einen Taschenrechner? Tipp mal diese Zahlen ein… Das kann doch gar nicht sein, ich zähl nochmal nach… 40… 36… 35… 24… 135!!!“ Wie zur Hölle sind wir denn da jetzt gelandet? Unser alter Rekord von 139 Arten ist plötzlich wieder zum Greifen nahe, die Perlhühner sowieso. Den Rest der Bahnfahrt klebe ich am Fenster der Bahn und hoffe, dass doch noch eine Mantelmöwe vorbeifliegt, leider ohne Erfolg.
In Neugraben macht dann das Rebhuhn Probleme, dafür taucht wieder mal ein altbekanntes Huhn auf. Und tatsächlich, wir führen mit drei Arten! Scherzhaft sage ich, dass wir uns jetzt an die Fersen des Perlhuhns hängen werden, damit sie nichts sehen, was wir nicht auch sehen. So ganz unernst meine ich das dann zwar irgendwie nicht, aber das kann man ja nicht zugeben. Und plötzlich fliegen zwei Rebhühner auf, das Perlhuhn ist schon wieder mehrere hundert Meter entfernt. 136!
Im Moorgürtel ist nichts Neues mehr zu finden, also schnell noch vor Sonnenuntergang in die Fischbeker Heide, Haubenmeisen sind hier angeblich so häufig wie Sand am Meer. Doch hier endet unsere Glückssträhne wieder. Alle Haubenmeisen schlafen wohl schon, Heidelerchen sind offenbar auch komplett unterkühlt und nur ein Waldkauz meldet sich kurz. Chris und ich strampeln auf eine Bergkuppe hinauf von der das gesamte Tal zu überblicken ist. Alles was hier ruft oder singt müssten wir eigentlich mitbekommen, doch die Realität sieht anders aus, wie sich kurz darauf beim letzten Treffen mit den Perlhühnern herausstellt. Ihre Haubenmeisen sind später schlafen gegangen, ihre Heidelerchen hatten keine Probleme mit der Kälte, immerhin fliegt ihre Waldohreule noch immer auch für uns im gleichen Tal herum. Dennoch bleiben wir bei 137 Arten hängen und sind somit wieder mal nur Vizemeister geworden.
138!
Beim Blick am nächsten Morgen auf die Birdrace-Seite die traurige Gewissheit. Bei ablaufendem Wasser im Holzhafen waren wieder Mantelmöwen und die fehlenden Limikolen aufgetaucht. Die Haubenmeisen und Heidelerchen hätten wir ein Tal weiter westlich suchen müssen und der doofe Schwarzhalstaucher auf dem Öjendorfer See war genau da gewesen, wo wir ihn nicht gefunden hatten.
Und so trug ich dann demütig auch unsere Daten im Ranking ein. Plötzlich ein kurzer Lichtblick: Die Schwarzkopfmöwe fehlte auf der Liste. Ebenso schnell kam die Ernüchterung, ich hatte den Teichrohrsänger in der falschen Spalte eingetragen und dadurch doppelt gezählt.
„Um wieviel Uhr hatten wir denn eigentlich die Flussseeschwalbe? Hmm, wo steht die denn? Fitis
5:55; Flussregenpfeifer __:__; Flussuferläufer
13:07; Gartenbaumläufer
5:40. Die Flussseeschwalbe fehlt... DIE FLUSSSEESCHWALBE FEHLT! 138! Wir haben gleich viele Arten wie das Perlhuhn! Wir sind nicht Vize- sondern Co-Meister! Endlich nicht nur ewig Zweiter, endlich mal Platz eins! Wuuhuu!“
Und so endete für mich mein wohl nervenaufreibenstes Birdrace jemals mit einem fetten Strahlen im Gesicht. Vergessen waren all die Strapazen von den Vortagen, abgeschüttelt der Frost aus meinen Körper. Bloß mein Hintern schmerzte noch ein wenig nach ca. 40 Stunden und ca. 140 km Fahrrad fahren. Selten war ich glücklicher darüber nicht aufgegeben zu haben.
138 Arten bei diesem nasskalten 16. Birdrace bedeuteten Platz 15 im bundesweiten Vergleich, sogar Rang 11 in der Singvogelwertung und Rang 8 für die autofreien Teams. Und wenn man dafür nicht so kämpfen hätten müssen hätte man ja nachher gar nichts zu erzählen
Auch wenn ich manchmal daran gezweifelt habe: Ich liebe das Birdrace! Und unsere Konkurrenz vom Perlhuhn mag ich die anderen 364 Tage des Jahres übrigens auch extrem gerne
