Twilight-Robin
Forumsregeln
Eigene Beobachtungen, Erlebnisse; Fragen zu Vogelbeobachtung, Nistkasten, Vogelfütterung, Krankheiten etc. Reiseberichte von mehrtägigen Birding-Touren bitte in das Forum Vogelgucker auf Achse.
Eigene Beobachtungen, Erlebnisse; Fragen zu Vogelbeobachtung, Nistkasten, Vogelfütterung, Krankheiten etc. Reiseberichte von mehrtägigen Birding-Touren bitte in das Forum Vogelgucker auf Achse.
Twilight-Robin
Twilight-Robin
Es war ihm zum Ritual geworden: bevor er den Wald verließ, machte er am Grenzgraben Rast, an einer leicht erhabenen Stelle, abseits des Weges.
Von hier aus ließ sich die Au nordwärts überblicken, das Schilf, die Weidenplantagen. Abgeweidete Wiesen. Mit dem Glas, das ihm neulich geschenkt wurde, liessen sich sogar in der Ferne die Dächer der Häuser am Dorfrand erkennen, oberhalb des Maroschhanges. Da, am Karrenweg - die Elstern in den Schlehen. Daneben zwei spielende Kinder am dichten Attich. Davor, über die breite Au, fielen in großen Schwärmen die Stare lautlos ins Schilf wie jeden Abend. Hoben sich wieder und senkten sich in wabernden Wellen die erst spät in der Dämmerung abebbten.
Um ihn herum raschelten Mäuse im Laub und er spielte mit Klicken zwischen den Fingern, rollte sie mit der Handfläche über den Schenkel um die Unebenheiten zu spüren. Wenn er mit ihnen einhändig jonglierte machten sie Klickgeräusche wenn sie sich versehentlich trafen. Der Waldboden war übersät von ihnen. Sie waren wärmer als das Fernglas.
Früher dachte er, es wären Früchte der Bäume. In einem alten Konversationslexikon fand er zufällig die Galläpfel auf einer Zeichnung. Ungläubig war er danach in den Wald gelaufen, hatte sie mit dem Messer aufgeschnitten, die weiße Wespenlarve darin gefunden und angestarrt. Wie lange war das her? Zwei Jahre? Die Stieleichen sah er seither anders, geheimnisvoller.
Damals war er ja noch Kind. Jetzt aber schon fast erwachsen und weit erfahrener. Mit dem neuen Glas konnte er die Junghirsche in der Akazienschonung von ganz nah betrachten. Ihre blutenden Baststangen, ihre dichten Girlanden aus Kletten am Hals und sogar die Haarlinge, die mit rechtwinkligen Spinnenbeinen aus ihrem Fell krochen und wie zuletzt auf der Stirn der Hirschkuh, zwischen den Augen im Fell wieder verschwinden konnten. Er hatte gelernt sich so zu bewegen, dass die Rudel ihn nicht kommen hörten obwohl sie die großen Lauscher oft in seine Richtung drehten. Das Glas war so gut, dass er die Rotkehlchen gestochen scharf sehen konnte, die manchmal kamen wenn die Hirsche inne hielten beim Wasserlassen um dann ganz dicht an ihren Hufen vorbeizuhüpfen, zu verharren und mit schräggelegtem Kopf nach den Kerbtieren zu lugen die vom Urinstrahl aufgescheucht worden waren.
Wie verblüfft war er gestern gewesen, als ihm genau das selbst passierte, da drüben am Spechtbaum wo er sein Wasser abschlug bevor er den Wald verließ um hinauf ins Dorf zu gehen. Das Rotkehlchen war ihm fast auf die Schuhe gehüpft.
Er versuchte einige Klicken in ein leeres Drosselnest zu werfen, da wo er die blauen Eier gesehen hatte im Mai. Kein Treffer. Dafür erschraken die Mäuse. Eine rannte in seine Richtung, setzte sich dann aber so vor eine Wurzel hin, dass er den schwarzen Aalstrich auf ihrem Rücken gut sehen konnte und begann sich zu putzen. Sie war so nah, dass er sie im Glas nicht mehr scharf stellen konnte. Das sah aus als hätte man ihr den Schwanz auf den Rücken geklebt. Jetzt erst hatte sie ihn bemerkt und huschte davon. Ihr Schwanz war heller gewesen als der dunkle Strich auf dem Rücken. Im Dorf gab es solche Mäuse nicht.
Erste Sterne waren zu sehen. Die schmale Mondsichel würde heute kaum Licht machen. Er müsste gehen. Ein C wie heute bedeutet Decrescendo. Bald ist Neumond. Wenn der Mond wie ein D aussieht, ist er im Crescendo. Das hatte er letztes Schuljahr von seinem Deutschlehrer gelernt. Der hatte studiert in Klausenburg - da lernt man sowas.
Gerade als er bedauerte, dass er dem Fuchs nicht mehr gut beim Mausen zuschauen konnte, ließ ihn ein Alarmruf aufschrecken, wie er ihn noch nie gehört hatte. Es klang wie ein hastiges abgehacktes „Siiieb“. Ein Rotkehlchen kam aus dem Wald heraus an ihm vorbei auf die Wiese hinausgeschossen, eine große Eule mit flinken runden Flügeln lautlos dicht hinter ihm her, kaum gebremst durchs Gezweig. Das musste der Waldkauz sein. Wo wollte das Kleine hin?
Er war schon so geschickt mit dem Glas, dass er beide sofort verfolgen konnte: es versuchte tatsächlich hinüber zu den Weiden zu gelangen. Nur leichte Haken flog es, nach links und nach rechts etwa mannshoch übers Gras. Der Kauz kam merklich näher. Dann plötzlich beide unvermittelt steil nach oben in den dunklen Abendhimmel hinein. Er grinste schon: so lässt sich also ein blöder Eulerich austricksen…
Ohne das helle Schilf im Hintergrund konnte man nichts mehr erkennen. Im Zwielicht hatte er beide völlig verloren. Er ließ das Glas sinken. Mit angehaltenem Atem starrte er bange Sekunden in den leeren Himmel. Da erklang ihr Todesschrei.
Es war ihm zum Ritual geworden: bevor er den Wald verließ, machte er am Grenzgraben Rast, an einer leicht erhabenen Stelle, abseits des Weges.
Von hier aus ließ sich die Au nordwärts überblicken, das Schilf, die Weidenplantagen. Abgeweidete Wiesen. Mit dem Glas, das ihm neulich geschenkt wurde, liessen sich sogar in der Ferne die Dächer der Häuser am Dorfrand erkennen, oberhalb des Maroschhanges. Da, am Karrenweg - die Elstern in den Schlehen. Daneben zwei spielende Kinder am dichten Attich. Davor, über die breite Au, fielen in großen Schwärmen die Stare lautlos ins Schilf wie jeden Abend. Hoben sich wieder und senkten sich in wabernden Wellen die erst spät in der Dämmerung abebbten.
Um ihn herum raschelten Mäuse im Laub und er spielte mit Klicken zwischen den Fingern, rollte sie mit der Handfläche über den Schenkel um die Unebenheiten zu spüren. Wenn er mit ihnen einhändig jonglierte machten sie Klickgeräusche wenn sie sich versehentlich trafen. Der Waldboden war übersät von ihnen. Sie waren wärmer als das Fernglas.
Früher dachte er, es wären Früchte der Bäume. In einem alten Konversationslexikon fand er zufällig die Galläpfel auf einer Zeichnung. Ungläubig war er danach in den Wald gelaufen, hatte sie mit dem Messer aufgeschnitten, die weiße Wespenlarve darin gefunden und angestarrt. Wie lange war das her? Zwei Jahre? Die Stieleichen sah er seither anders, geheimnisvoller.
Damals war er ja noch Kind. Jetzt aber schon fast erwachsen und weit erfahrener. Mit dem neuen Glas konnte er die Junghirsche in der Akazienschonung von ganz nah betrachten. Ihre blutenden Baststangen, ihre dichten Girlanden aus Kletten am Hals und sogar die Haarlinge, die mit rechtwinkligen Spinnenbeinen aus ihrem Fell krochen und wie zuletzt auf der Stirn der Hirschkuh, zwischen den Augen im Fell wieder verschwinden konnten. Er hatte gelernt sich so zu bewegen, dass die Rudel ihn nicht kommen hörten obwohl sie die großen Lauscher oft in seine Richtung drehten. Das Glas war so gut, dass er die Rotkehlchen gestochen scharf sehen konnte, die manchmal kamen wenn die Hirsche inne hielten beim Wasserlassen um dann ganz dicht an ihren Hufen vorbeizuhüpfen, zu verharren und mit schräggelegtem Kopf nach den Kerbtieren zu lugen die vom Urinstrahl aufgescheucht worden waren.
Wie verblüfft war er gestern gewesen, als ihm genau das selbst passierte, da drüben am Spechtbaum wo er sein Wasser abschlug bevor er den Wald verließ um hinauf ins Dorf zu gehen. Das Rotkehlchen war ihm fast auf die Schuhe gehüpft.
Er versuchte einige Klicken in ein leeres Drosselnest zu werfen, da wo er die blauen Eier gesehen hatte im Mai. Kein Treffer. Dafür erschraken die Mäuse. Eine rannte in seine Richtung, setzte sich dann aber so vor eine Wurzel hin, dass er den schwarzen Aalstrich auf ihrem Rücken gut sehen konnte und begann sich zu putzen. Sie war so nah, dass er sie im Glas nicht mehr scharf stellen konnte. Das sah aus als hätte man ihr den Schwanz auf den Rücken geklebt. Jetzt erst hatte sie ihn bemerkt und huschte davon. Ihr Schwanz war heller gewesen als der dunkle Strich auf dem Rücken. Im Dorf gab es solche Mäuse nicht.
Erste Sterne waren zu sehen. Die schmale Mondsichel würde heute kaum Licht machen. Er müsste gehen. Ein C wie heute bedeutet Decrescendo. Bald ist Neumond. Wenn der Mond wie ein D aussieht, ist er im Crescendo. Das hatte er letztes Schuljahr von seinem Deutschlehrer gelernt. Der hatte studiert in Klausenburg - da lernt man sowas.
Gerade als er bedauerte, dass er dem Fuchs nicht mehr gut beim Mausen zuschauen konnte, ließ ihn ein Alarmruf aufschrecken, wie er ihn noch nie gehört hatte. Es klang wie ein hastiges abgehacktes „Siiieb“. Ein Rotkehlchen kam aus dem Wald heraus an ihm vorbei auf die Wiese hinausgeschossen, eine große Eule mit flinken runden Flügeln lautlos dicht hinter ihm her, kaum gebremst durchs Gezweig. Das musste der Waldkauz sein. Wo wollte das Kleine hin?
Er war schon so geschickt mit dem Glas, dass er beide sofort verfolgen konnte: es versuchte tatsächlich hinüber zu den Weiden zu gelangen. Nur leichte Haken flog es, nach links und nach rechts etwa mannshoch übers Gras. Der Kauz kam merklich näher. Dann plötzlich beide unvermittelt steil nach oben in den dunklen Abendhimmel hinein. Er grinste schon: so lässt sich also ein blöder Eulerich austricksen…
Ohne das helle Schilf im Hintergrund konnte man nichts mehr erkennen. Im Zwielicht hatte er beide völlig verloren. Er ließ das Glas sinken. Mit angehaltenem Atem starrte er bange Sekunden in den leeren Himmel. Da erklang ihr Todesschrei.
Re: Twilight-Robin
Hallo Alcedo,
einfach nur schön, dass du uns mit auf die Reise in die Vergangenheit genommen hast. Ein einziger Genuss, deinen Erinnerung und Gedanken folgen zu dürfen. Ich habe mit durch das Glas geschaut - und auch den Atem angehalten. Auch, wenn es für das Rotkehlchen nicht gut endete..
Twilight-Robin ist eine Perle - gerade und ganz besonders heute. Ganz herzlichen Dank dafür von mir.
Liebe Grüße
Petra
einfach nur schön, dass du uns mit auf die Reise in die Vergangenheit genommen hast. Ein einziger Genuss, deinen Erinnerung und Gedanken folgen zu dürfen. Ich habe mit durch das Glas geschaut - und auch den Atem angehalten. Auch, wenn es für das Rotkehlchen nicht gut endete..
Twilight-Robin ist eine Perle - gerade und ganz besonders heute. Ganz herzlichen Dank dafür von mir.
Liebe Grüße
Petra
Re: Twilight-Robin
hallo Petra
Vielen Dank für deine Feedback.
die Überschrift soll natürlich auch ein Eye-Catcher sein für jüngere Leserinnen und Birder. bin gespannt ob das funktioniert.
Gruß
Alcedo
Vielen Dank für deine Feedback.
die Überschrift soll natürlich auch ein Eye-Catcher sein für jüngere Leserinnen und Birder. bin gespannt ob das funktioniert.
Gruß
Alcedo
- northern_nature
- Beiträge: 256
- Registriert: 27 Jan 2023, 11:12
- Wohnort: Zwischen Hamburg und Lüneburg
Re: Twilight-Robin
Ich habe dieses kleine Meisterwerk eben erst zur Kenntnis genommen. Eine beeindruckend gezeichnete und anrührende Szene. Hut ab!
VG
Wolfgang
VG
Wolfgang
Re: Twilight-Robin
hallo Wolfgang
Vielen Dank fürs Lesen und für diese wertvolle Rückmeldung. vor allem für das „kleine“ und das „gezeichnete“. das gibt mir viel.
Gruß
Alcedo
Vielen Dank fürs Lesen und für diese wertvolle Rückmeldung. vor allem für das „kleine“ und das „gezeichnete“. das gibt mir viel.
Gruß
Alcedo
- J W vom Berge
- Beiträge: 2153
- Registriert: 11 Aug 2020, 15:03
- Wohnort: Bad Salzuflen
Re: Twilight-Robin
Wundervoll & DANKE
Jürgen
Jürgen
Re: Twilight-Robin
Vielen Dank, Jürgen
Re: Twilight-Robin
Hallo Alcedo,
wunderschönes, lebendiges Bild, das du da von der Abendszene gezaubert hast. Garniert mit einem Spannungssahnehäubchen am Ende. Aber schon fies, wenn der Eulerich das mutige Rotkehlchen, mit dem man sich nahezu angefreundet hat, zum Abendessen erwischt.
Schöne Grüße. Ilja.
wunderschönes, lebendiges Bild, das du da von der Abendszene gezaubert hast. Garniert mit einem Spannungssahnehäubchen am Ende. Aber schon fies, wenn der Eulerich das mutige Rotkehlchen, mit dem man sich nahezu angefreundet hat, zum Abendessen erwischt.
Schöne Grüße. Ilja.
Re: Twilight-Robin
Endlich habe ich auch Zeit und Muße gehabt in deine Geschichte einzutauchen. Sehr lebendig und detailverliebt erzählt! War das eine Brandmaus?
Vielen Dank!
Lg, Skua
Vielen Dank!
Lg, Skua
Re: Twilight-Robin
hallo Ilja
Danke für die bescheinigte Lebendigkeit, Sahnehaube und mehr.
ich fürchte der Eulerich kennt weder fies noch süß. wenn ich mal wieder mehr von ihm seh als ne Feder, dann versuchichs ihm aber zu verklickern
Gruß
Alcedo
Danke für die bescheinigte Lebendigkeit, Sahnehaube und mehr.
ich fürchte der Eulerich kennt weder fies noch süß. wenn ich mal wieder mehr von ihm seh als ne Feder, dann versuchichs ihm aber zu verklickern
Gruß
Alcedo
Re: Twilight-Robin
Vielen Dank, Skua, fürs Eintauchen und fürs Feedback.
ja, Brandmaus. hab ich aber erst viel, viel später rausgefunden durch „Pareys Buch der Söugetiere“.
die gab es dort relativ häufig.
Gruß
Alcedo
ja, Brandmaus. hab ich aber erst viel, viel später rausgefunden durch „Pareys Buch der Söugetiere“.
die gab es dort relativ häufig.
Gruß
Alcedo
Re: Twilight-Robin
Der war auch nicht gemeint, dem sei sein Abendessen gegönnt. Aber das Schicksal aus Sicht des Protagonisten und der Leserschaft ist fies.
Schöne Grüße. Ilja.
Re: Twilight-Robin
Ilja!
Mensch, Ilja, die spitze Kritikerfeder hatte ich dir n i c h t zugetraut. das beschämt mich. das hatte ich nicht gleich geschnallt. hast ne PN.
Vielen Dank für die Präzisierung.
Chapeau
Alcedo
Mensch, Ilja, die spitze Kritikerfeder hatte ich dir n i c h t zugetraut. das beschämt mich. das hatte ich nicht gleich geschnallt. hast ne PN.
Vielen Dank für die Präzisierung.
Chapeau
Alcedo
Re: Twilight-Robin
Möglicherweise war das Wort "fies" ausschließlich negativ zu verstehen? Sollte es nicht sein, nur überspitzt. Das Spannende war ja gerade, dass man bis zum Schluss davon träumen durfte, dass es "nur" eine nette Abendszene ist, bei der man das vorwitzige Rotkehlchen kennen und schätzen lernt (man = Protagonist für LeserIn). Und dann, mit den letzten vier Worten wird die Szenenschilderung zum Drama. So ist das Leben.
Schöne Grüße. Ilja.
Schöne Grüße. Ilja.
Re: Twilight-Robin
Ilja,
das minimal negativ konnotierte „fies“ verflüchtigt sich bei deinen Antworten umgehend und restlos positiv ins Nirvana.
Dankeschön
Alcedo
das minimal negativ konnotierte „fies“ verflüchtigt sich bei deinen Antworten umgehend und restlos positiv ins Nirvana.
Dankeschön
Alcedo
